Vom 30. Juli bis 1. August fand auch in diesem Jahr der Sommerdiskurs der Universität Wien statt, bei dem sich Vertreter*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik gemeinsam mit dem Thema „Gefährdete Sicherheit - Security and the Defense of European Values” auseinandersetzten. 

Dazu gab es verschiedenste Workshops, Podiumsdiskussionen und Vorträge von Vertretern aus Recht, Wirtschaft und Kultur. Abgerundet wurde das Programm zudem mit einer Kammerkonzert der Wiener Philharmoniker am Donnerstagabend und der Vorstellung des Gemäldes von Rubens' Schlacht von Nördlingen durch den KHM-Direktor Paul Frey am Freitagnachmittag.

Tag 1

Sommerdiskurs Tag 1

Mittwoch, 30. Juli 2025

von Patrik Marek


Der siebzehnte Sommerdiskurs der Universität Wien aus Wirtschaft, Recht und Kultur bot auch im Jahr 2025 wieder ein Forum für Ideenaustausch und angeregte Diskussionen vor der atemberaubenden Kulisse des Wolfgangsees. Das Wetter war so divers wie die zahlreichen Wissenschafter:innen, Expert:innen und Studierenden, die in Strobl von 30. Juli bis 1. August zusammenkamen, um das Generalthema „Gefährdete Sicherheit – Security and the Defense of European Values“ zu beleuchten.
Die dreitägige Veranstaltung wurde mit einem Vortrag von Brigadier Berthold Sandtner zum Thema „Situation Report – A Military Strategic Analysis of the International State of Affairs“ am Abend des 30. Juli eröffnet.

Sandtner, der ua das Institut für Höhere Militärische Führung leitet und als Studiengangsleiter des FH-Masterstudiengangs „Militärische Führung“ tätig ist, verfügt über langjährige internationale Erfahrung – unter anderem als Militärvertreter in Brüssel, im Generalsekretariat des Rates der EU, als Kommandant in Auslandseinsätzen sowie zuletzt als strategischer Analyst im Bundesministerium für Landesverteidigung.

Im Zentrum seines Vortrags stand eine eindringliche Analyse des geopolitischen Status quo und der aktuellen aufgeladenen geopolitischen Lage, in der militärische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamiken zunehmend ineinandergreifen. Sandtner zeichnete das Bild einer sich auflösenden internationalen Ordnung: „Disorder is the new world order“. Die regelbasierte Nachkriegsarchitektur, lange Zeit Garant für Stabilität, werde mehr und mehr durch eine Phase der globalen Unordnung ersetzt. Die Kluft zwischen Macht und Ohnmacht trete deutlich hervor – „The strong do what they can, and the weak suffer what they must.“

In seiner militärstrategischen Betrachtung zeigte Sandtner auf, wie geopolitische Machtverschiebungen, das schwindende Vertrauen in multilaterale Organisationen und die zunehmende Zahl bewaffneter Konflikte – insbesondere im globalen Süden – fundamentale Veränderungen im internationalen System anzeigen. Auch in den Vereinten Nationen lasse sich eine zunehmende Koordination des Globalen Südens beobachten – etwa in den Abstimmungen zur Ukraine oder zum Gazastreifen –, obwohl dieser Raum intern heterogen bleibe.

Besonderes Augenmerk legte Sandtner auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Russland agiere langfristig, strategisch und mit klaren Zielen. Territoriale Zugewinne stünden dabei nicht mehr im Vordergrund; vielmehr gehe es um strategische Einflussnahme und das gezielte Schwächen westlicher Allianzen wie NATO und EU. Die dafür eingesetzten Machtinstrumente reichten von wirtschaftlichem Druck über Desinformation bis hin zur offenen militärischen Konfrontation.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass Sicherheitspolitik weit über militärische Fragen hinausreicht. Sandtner betonte, dass Landesverteidigung im Denken beginne und eng mit demokratischer Resilienz verknüpft sei. Themen wie der Wandel technologischer Kriegsführung, Cyberbedrohungen, Drohneneinsatz und der gesellschaftliche Verteidigungswille wurden ebenso diskutiert wie die Frage nach der strategischen Handlungsfähigkeit Europas.

Gedanklich aufrüttelnd war schließlich auch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob sich Europa bereits im Krieg mit Russland befinde – nicht notwendigerweise im klassischen militärischen Sinn, wohl aber auf ideologischer, wirtschaftlicher und informationeller Ebene. Die Rolle nuklearer Bedrohungsszenarien und die Frage nach einem möglichen politischen Wandel in Russland – etwa im Falle eines Führungswechsels – wurden kritisch beleuchtet, wobei Sandtner deutlich machte: Ein Automatismus in Richtung Deeskalation sei keineswegs garantiert.

Mit diesem Vortrag wurde der Sommerdiskurs 2025 eindrucksvoll eröffnet: Die Analyse von Brigadier Sandtner zeigte nicht nur die sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart auf, sondern legte auch offen, dass Europa sich inmitten einer Phase strategischer Neuausrichtung befindet. 

Tag 2

Sommerdiskurs Tag 2

Donnerstag, 31. Juli 2025

von Kerstin Schatz


Der zweite Tag des Sommerdiskurses war geprägt von einem dicht gefüllten und thematisch vielfältigen Programm. Den Auftakt bildeten zwei parallele Workshops zu den Themen „Water – An Increasingly Scarce and Disputed Resource“, geleitet von Prof. Ursula Kriebaum und Elmar Voggenberger-Meissel, sowie „Fighting Extremism and the Legal Limits of Surveillance“, betreut von Bernhard Schima und Jonas Divjak.

So wurde im ersten Vortrag von Elmar Voggenberger-Meissel die zunehmende Unsichtbarkeit und Gefährdung globaler Wasserkreisläufe betont. Er wies darauf hin, dass Wasser komplexe Zyklen durchlaufe, welche zunehmend unter Druck gerieten. Besonders eindrücklich schilderte er die Unentbehrlichkeit von Wasser für die Bereiche Wohnen, Industrie und die Nahrungsmittelproduktion. Angesichts der Folgen der Erderwärmung, zB den verlängerten Trockenperioden in Kombination mit intensiven Niederschlagsereignissen oder dem exponentiell steigenden Wasserbedarfs bei gleichzeitig begrenzten Ressourcen, ist sowohl die Renaturierung lokaler Wassersysteme als auch der Ausbau internationaler Kooperationen erforderlich.

Ergänzend widmete sich Prof. Ursula Kriebaum den menschenrechtlichen Aspekten der globalen Wasserkrise. Sie betonte, dass das „Right to Water“ nicht ausdrücklich in völkerrechtlichen Verträgen verankert sei, jedoch aus bestehenden Rechten wie dem Recht auf Leben, Gesundheit oder eine angemessene Lebensgrundlage abgeleitet werden könne. So hob sie die Resolution der UN-Generalversammlung 2010 und das Recht auf Zugang zu sicherem und sauberem Trinkwasser hervor. Dieses Recht umfasse die physische Verfügbarkeit, Erreichbarkeit, Sicherheit, Erschwinglichkeit und kulturelle Angemessenheit von Wasser.

Die Ergebnisse des parallel stattfindenden Workshops wurden von Studierenden dargelegt, welche die Frage diskutierten, ob und inwieweit staatliche Überwachung zur Bekämpfung von Extremismus erforderlich und legitim sei. Die Studierenden erörterten, inwiefern Überwachungsmaßnahmen einen Beitrag zur frühzeitigen Erkennung und Verhinderung terroristischer Anschläge leisten können, betonten gleichzeitig, dass deren Einsatz stets in begrenztem Umfang und unter Wahrung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit erfolgen muss. Zudem wurden die negativen Auswirkungen auf Individuen und Gesellschaft durch den Verlust der Privatsphäre, Angst, Selbstzensur oder potenzielle autoritäre Entwicklungen erörtert. Eine weitere Gruppe setzte sich mit europarechtlichen Rahmenbedingungen auseinander und kamen zum Ergebnis, dass Überwachung im Rahmen strenger Verhältnismäßigkeit und unter Wahrung der Transparenz erfolgen könnte. Der Schutz Bevölkerung müsse in einem ausgewogenen Verhältnis zu individuellen Freiheitsrechten stehen.

Vor dem Mittagessen folge das erste Panel des Tages unter Moderation von Thomas Goiser, diskutierten Prof. Sylvia Kritzinger, MEP Lukas Mandl, Prof. Werner Neudeck und Verena Ringler die Zukunftsperspektiven der EU bis zum Jahr 2029 unter dem Thema „Europe under Stress – What to Expect from the EU and it‘s Institutions until 2029“.

Einleitend analysierte Prof. Kritzinger die Entwicklungen der öffentlichen Meinung und Wahlbeteiligung in der EU und verwies dabei auf ein wachsendes Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch nach starker europäischer Handlungsfähigkeit in sicherheitspolitischen Fragen und einer ablehnenden Haltung gegenüber zentralen wirtschafts- oder steuerpolitischen Kompetenzen der EU. Im Anschluss hob Mag. Mandl die Prioritätensetzung des Europäischen Parlaments hervor, wobei er insbesondere die Bereiche Wirtschaft und Sicherheit als zentrale Handlungsfelder betonte. Prof. Neudeck warnte vor strukturellen Schwächen der europäischen Volkswirtschaft, da diese im internationalen Vergleich ins Hintertreffen geraten sei, insbesondere in den Bereichen Arbeitsproduktivität und technologischer Innovation. Er forderte gezielte Investitionsanreize, Deregulierung und eine schnellere Umsetzung von Handelsabkommen. Abschließend appellierte Ringler, an ein systemisches Denken im Umgang mit Krisen. Denn die Stärke der EU liege nicht nur in institutionellen Strukturen, sondern in der Fähigkeit, unkonventionelle Allianzen zu schließen, Visionen zu entwickeln und gesellschaftliche Dynamiken zu integrieren.

Im Abschlussplenum unter der Leitung von Prof. Franz-Stefan Meissel diskutierten Klaus Steinmauer (RTR), Johann Pluy (ÖBB Infra AG), Stefanie Markut (WEB Windenergie) und Timon Pfleger (AK Wien) über unterschiedliche Aspekte der Resilienz. Zu Beginn der Diskussion definierte Steinmauer Resilienz als gesamtstrategische Fähigkeit, auf wirtschaftlicher, technischer, digitaler, normativer und ethischer Ebene langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. In diesem Zusammenhang betonte er die Bedeutung staatlicher Investitionsanreize sowie die Innovationsförderung. Ergänzt wurden die Ausführungen Steinmauers sowie die Bedeutung der Resilienz durch praxisnahe Einblicke im Krisenmanagement, die Pluy beisteuerte. So erfordere die Gewährleistung einer durchgängigen Betriebsbereitschaft technische und organisatorische Resilienzstrategien, zB durch Business-Continuity-Management und Naturgefahrenvorsorge. Markut verwies auf die Bedeutung technologischer Diversifikation in der Energieversorgung. So werde in ihrem Bereich Resilienz durch geografische Streuung von Wind- und Solarparks sowie durch regulatorische Anpassungsfähigkeit auf internationalen Märkten gestärkt. Abschließend betonte Mag. Pfleger die Bedeutung sozialer Resilienz aus Arbeitnehmersicht. So seien ein robuster Sozialstaat und faire Arbeitsbedingungen wesentliche Voraussetzungen für die gesellschaftliche Stabilität und die Verteidigung europäischer Werte, besonders in Zeiten geopolitischer und klimatischer Unsicherheiten.

Den feierlichen Abschluss bildete ein Kammerkonzert des Ensemble Wien, bestehend aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker (Prof. Daniel Froschauer, Michael Bladerer, Raimund Lissy und Michael Strasser), welches in der Kirche von Strobl stattfand und von der ehemaligen Sopranistin der Wiener Staatsoper, Lydia Rathkolb, begleitet wurde.

Eindrücke von Tag 1 & 2

Tag 3

Sommerdiskurs Tag 3

Freitag, 1. August 2025

von Adriana Winkelmeier


Der dritte und letzte Tag des Sommerdiskurses begann mit einer hochkarätigen Keynote von Bundesminister a.D. Generalmajor Thomas Starlinger unter dem Titel „How the Current and Future Geopolitical Developments are Influencing Europe in the Political, Economic, and Security Domain“. Moderiert von Prof. Oliver Rathkolb sprach er über aktuelle und künftige geopolitische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Europa.

Es folgte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Cyber (In-)Security“, moderiert von Prof. Michael L. Fremuth (Institut für Staats- und Verwaltungsrecht, Universität Wien sowie Ludwig-Boltzmann-Instituts für Grund- und Menschenrechte). Am Podium diskutierten Prof. Nikolaus Forgó (Institut für Innovation und Digitalisierung im Recht, Universität Wien), Prof. Marcus Helfrich (Wirtschaftsrecht, FOM Hochschule für Oekonomie und Management) und Johanna Schachner (Legistik-Abteilung, Bundesministerium für Inneres) über aktuelle Herausforderungen und Risiken im digitalen Raum. Die Debatte zeigte, wie relevant Cybersicherheit als Bestandteil der aktuellen Sicherheitspolitik ist und wie vielschichtig das Thema ist. Die Podiumsdiskussion reichte von optimistischen Einschätzungen bis hin zu skeptischeren Ansichten, welche die wachsenden Risiken aufzeigten und die zunehmende Verwundbarkeit digitaler Systeme.

Am Nachmittag folgte ein Programmpunkt, welcher beim Sommerdiskurs schon Tradition hat: das Kunsthistorische Gespräch im Bürglsaal. Auch in diesem Jahr war das Kunsthistorische Museum (KHM) wieder zu Gast am Wolfgangsee. Paul Frey (Geschäftsführer des KHM-Museumsverbands) brachte diesmal Die Schlacht von Nördlingen von Peter Paul Rubens mit (Titel: „Begegnung König Ferdinands von Ungarn mit dem Kardinalinfanten Ferdinand vor der Schlacht bei Nördlingen“). Eine Stunde lang nahm uns Dr. Frey mit ins Europa des 17. Jahrhunderts, wobei er nicht nur über die Entstehungsgeschichte des Gemäldes sondern auch über die politischen und militärischen Realitäten Europas im Jahre 1634 sprach. Der Bezug zum diesjährigen Thema “Gefährdete Sicherheit - Security and the Defense of Euopean Values” war dabei klar zu spüren.

Zum Abschluss folgte eine Schifffahrt nach St. Wolfgang zum Abendessen ins “Weiße Rössl”. Nach einigen regnerischen Tagen hatten wir Glück und so kamen wir bei Sonnenschein und mit Blick auf die Bergkulisse des Salzkammerguts in St. Wolfgang an. Dort ging der diesjährige Sommerdiskurs in stimmungsvoller Atmosphäre bei Sonnenuntergang zu Ende. Drei Tage voller aktueller Themen, spannender Einblicke und intensiven Diskussionen machten einmal mehr deutlich, wie wertvoll der Austausch zwischen Wissenschaft, Recht und Kultur ist.

 

 

Eindrücke von Tag 3

Das Programm ist auch online auf dem YouTube-Kanal des Department of Innovation and Digitalisation in Law zum Nachschauen verfügbar: